Das Ende des einzigen Industriebetriebes in Holzhau (1)
Der "Neubau" von 1936-1938 wird zur Zeit abgerissen
Die alte Holzhauer Möbelfabrik, in welcher bis 1990 rund 45 Mitarbeiter beschäftigt waren, wird zur Zeit abgerissen. Damit verschwindet ein weiterer Schandfleck unseres Ortes. Im ehemaligen Betriebsteil 3 der "Holzindustrie Bienenmühle" arbeitete man in der DDR für namhafte Firmen, wie zum Beispiel die Versandhäuser Otto und Quelle oder die Möbelkette IKEA. Fast täglich verließen Container mit jeweils etwa 50 Schrankwänden das Betriebsgelände. Gemeinsam mit dem Ortschronisten Egon Bellmann haben wir die Geschichte des einzigen Industriebetriebes in unserem Ort für Sie zusammengestellt:
Im Jahre 1464, also schon 70 Jahre vor der eigentlichen Holzhauer Ortsgründung, wurde die "Obere herrschaftliche Brettmühle" erstmals urkundlich erwähnt. Sie gehörte rechtlich zur Herrschaft Rechenberg wurde daher bis zum Jahre 1840 nicht in den Holzhauer Akten geführt.
Mit einer einfachen Säge, die durch ein oberschlächtiges Wasserrad angetrieben wurde, wurden Bretter für die Rechenberger Herrschaft geschnitten. Balken wurden damals nur mit der Axt behauen. Die Mühlenpächter zahlten Pachtzins an die Rechenberger Burgherren.
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich aus der kleinen Brettmühle ein leistungsfähigeres Sägewerk. Durch die Auflösung des Kammergutes Rechenberg ging die Mühle 1840 in den Privatbesitz über. Erst ab diesem Zeitpunkt gehörte das Sägewerksgrundstück zur Gemeinde Holzhau.
Infolge des natürlichen Verschleißes mußte das Wasserrad mehrfach erneuert werden. Der technischen Entwicklung der Zeit folgend, wurden die alten Sägegatter aus Holz durch Maschinen aus Metall ersetzt. Effektivere Sägegatter mit mehreren Sägeblättern folgten bald.
Ab 1900 war an das Wasserrad ein 110-Volt-Gleichstromgenerator angekoppelt. 1920 war ein sehr trockener Sommer, das Wasser war knapp. Um die Produktion aufrechtzuerhalten, wurde eine Dampfmaschine angeschafft. Diese trieb einen weiteren Generator an.
Der Besitzer des Sägewerkes lieferte 1926 für den Bau des Bienenmühler Postamtes rotfaules Holz. Die Baubehörde der Post nahm dieses Holz jedoch nicht ab. Zeitgleich baute der Sägewerksbesitzer ein neues Gebäude. Die Finanzlage des Unternehmens war sehr angespannt. Da die Post für das fehlerhafte Holz nicht bezahlte, ging das Sägewerk in die Insolvenz.
Der neue Sägewerksbesitzer Richter veränderte ab 1928 die Struktur des Betriebes und leitete damit eine Wende in der Unternehmensgeschichte ein. Neben dem herkömmlichen Sägewerksbetrieb begann er mit einer umfangreichen Holzteileproduktion. Eine kleine Drechslerabteilung wurde eingerichtet. In dieser Zeit entstand im Volksmund der heute noch geläufige Firmenname "Dreh-Richter".
Man produzierte Hausrats- und Wirtschaftsgegenstände, aber auch einfaches Kinderspielzeug. Beispielsweise waren das Dosen und Teller, Handwagenräder, später ganze Handwagen. Möbelgriffe, Griffe für Fleischwölfe und Kaffeemühlen wurden recht bald in großen Massen hergestellt. Auch kompliziertere Fräsartikel wie Bügeleisengriffe wurden in das Sortiment aufgenommen. Diese Dreh- und Frästeile aus Holz konnten auch nach 1945 noch jahrelang in großen Stückzahlen verkauft werden.
Durch den Sortimentsausbau nach 1928 wurde der bisherige Betrieb zu klein. In den Jahren 1936 - 1938 baute man ein massives Gebäude zur nochmaligen Erweiterung der Produktion. Dieser Bau wird zur Zeit (November 2011 / Foto) gerade abgerissen.
Seit 1934 baute man auch Holzspinde und Putzkästen für den Reichsarbeitsdienst. Dies war der erste bescheidene Versuch, in die Möbelproduktion einzusteigen.
Während des 2. Weltkrieges wurde die Firma Richter per Dekret -wie alle anderen deutschen Sägewerke auch- zum Bau von Munitionskisten aller Art verpflichtet.
Der Enteignung nach 1945 entging man nur knapp. Es kam trotzdem zum Stillstand. Es waren aus der laufenden Produktion noch viele Munitionskisten auf Lager. Geld gab es dafür nach Kriegsende nicht mehr. Gleichzeitig wurden, wie bei vielen anderen Betrieben, sämtliche Konten gesperrt. Für den Sägewerksbetrieb gab es kaum noch junge, kräftige und gesunde Männer.
Da es nach Kriegsende kaum elektrischen Strom aus Freileitungen gab, speisten die Generatoren das Holzhauer Ortsnetz mit Elektroenergie.
(Weiter im Teil 2)
Redakteur: Tino Bellmann
Erstellt: 06.12.2011
Aktuell: 07.12.2011
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