Nach der Kreisreform - In Döbeln ist man immer noch sauer
Abendstimmung in Döbeln. Im Vordergrund die Freiberger Mulde
Der neue Landkreis Mittelsachsen ist nun schon mehr als einen Monat Realität. Von Holzhau aus erstreckt er sich entlang der Freiberger Mulde bis nach Penig. So groß der neue Landkreis auch ist, so unterschiedlich sind auch die Meinungen der Einwohner zur Kreisreform.
Für die Bewohner des Erzgebirgskammes ist die Veränderung eher eine belanglose Fußnote der Geschichte. Die Holzhauer sind´s gewöhnt , dass in ihrer regionalen Zugehörigkeit ständig Bewegung herrscht und man mindestens 20-30 Kilometer talabwärts fahren muß, wenn man irgendetwas Wichtiges zu erledigen hat.
Vor Jahrhunderten waren es die Streitereien zwischen Sachsen und Böhmen um das Holz, welches Holzhau seinen Namen gab. So ging es auch mit den Besitzverhältnissen ständig hin und her. Es folgten mehrere Herrschaftswechsel auf den Burgen Purschenstein, Rechenberg und Frauenstein. Für die Holzhauer änderte sich nicht viel. Die Frondienste wurden zwar immer unerträglicher, aber am Ende war es ganz gleich, für wen sie erbracht werden mußten.
Über die Jahrhunderte und Jahrzehnte gab es viele Änderungen zur Zugehörigkeit, die auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weitergingen. Es begann gleich mit der Neuerrichtung der Grenze zu Tschechien. Mehrere südlich von Holzhau gelegene Orte (Grünwald, Motzdorf, Ullersdorf) wurden dem tschechischen Territorium zugeteilt. Die Geschichten über die Vertriebenen, welche nachts noch versucht hatten, das ehemals eigene Vieh vor dem Verhungern zu retten und dabei von den Tschechen erschossen wurden, sind nach wie vor lebendig.
Nach der Vertreibung der Deutschen und der Entvölkerung des Grenzgebietes wurden die oben erwähnten Grenzdörfer auf Beschluß der tschechischen Regierung niedergerissen. Nur Fundamente zeugen noch von einer früheren Besiedlung. Bei dieser geschichtlichen Betrachtung ist es wohl Zufall, dass der Ort Holzhau heute überhaupt noch existiert. Die Grenze zu Tschechien hätte ja einen völlig anderen Verlauf nehmen können.
Mitte der fünfziger Jahre kam der Ortsteil Teichhaus zur Gemeinde Holzhau hinzu. Vorher gehörte das Tal zu Hermsdorf. Gleichzeitig wechselte Holzhau vom Landkreis Dippoldiswalde in den Kreis Brand - Erbisdorf. Im Jahr 1994 / 1995 verlor Holzhau seine Eigenständigkeit und wurde nach Rechenberg-Bienenmühle eingemeindet. Der Landkreis Brand-Erbisdorf verband sich mit Flöha und Freiberg zum Landkreis Freiberg.
Am 1.8.2008 wurde nun der Kreis Mittelsachsen gebildet. Döbeln und Mittweida wurden mit Freiberg zu einem Landkreis vereint, welcher fast der Größe des Saarlandes entspricht, aber nur rund ein Drittel der Einwohnerzahl vorweisen kann. Holzhau ist der südlichste Zipfel des neuen Kreises Mittelsachsen - und wahrscheinlich auch "die höchstgelegenste und kälteste Ecke".
Am anderen Ende des neuen Landkreises sieht man die "Einverleibung des Kreises Döbeln" ganz anders. Die Regionalpresse in Döbeln ereifert sich seit Monaten über die Größe des neuen Verwaltungsgebietes. So bildete die "Döbelner Allgemeine Zeitung" vor wenigen Tagen eine große Karrikatur ab. Ein Reisebüro ist zu sehen, in welchem Städtereisen angeboten werden. Die Personen diskutieren über eine "Städtereise in die Kreisstadt Freiberg". Darunter steht der Satz des Reisebüroangestellten (sinngemäß): "Wenn die Schlange im Landratsamt nicht allzu lang ist und der Bus nicht in einen Stau gerät, können Sie auf die Buchung einer Übernachtung verzichten".
Natürlich kratzt es den Döbelnern gewaltig an der Ehre, den Sitz des Landratsamtes an eine Stadt verloren zu haben, welche nicht einmal eine Autobahnabfahrt hat. Und da Döbeln gleich zwei Autobahnabfahrten hat, erscheint der Ärger auch doppelt so groß.
Mit der verlorenen Ehre und dem angeknacksten Selbstbewußtsein beschäftigt sich auch der "Döbelner Anzeiger". Die Mitarbeiter des ehemaligen Landratsamtes ärgern sich schwarz, weil die teuer angeschafften Radaranlagen (Blitzer) nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Denn: Nur ein Landratsamt und die Polizei dürfen blitzen. Eine zur "Großen Kreisstadt" herabgestufte frühere Kreisstadt darf die Technik zur Verkehrsüberwachung und Einnahmenerzielung nicht mehr in Betrieb nehmen. Der Ärger ist so groß, daß es dem Döbelner Anzeiger einen mindestens ebenso großen Pressebericht wert war.
Man hofft nun, daß in der Landeshauptstadt das dazugehörige Gesetz geändert wird - das heißt, die Mitarbeiter des Döbelner Amtes hoffen es. Es gibt sicher viele Bewohner des Landkreises, die über ein paar vorübergehend stillgelegte Blitzer nicht böse sind.
Döbeln hat über Jahrhunderte, bis zur Kreisreform Anfang August 2008, seine territoriale Eigenständigkeit behaupten können. Ganz klar also, daß der Schnitt jetzt umso schmerzhafter ist.
Wie man sieht, wird die Kreisreform an den beiden Enden des Landkreises völlig anders gefühlt. In Holzhau ist man doch schon froh darüber, wenn man noch nicht zum Okres Most gehört. Und solange in Holzhau (bis zu) dreimal pro Tag ein Blitzer aufgebaut wird, sind wir noch nicht ganz abgeschrieben...
Eine schöne Woche wünscht Ihnen Ihr
Tino Bellmann
Redakteur: Tino Bellmann
Erstellt: 08.09.2008
Aktuell: 02.12.2009
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