Weltweite Bankenkrise ist auch im Landkreis Mittelsachsen angekommen
Man könnte ja meinen, die weltweite Bankenkrise würde um unser verträumtes Dorf einen Bogen machen. Weit gefehlt ! Zulieferer der KFZ-Industrie, welche im Landkreis Mittelsachsen ihre Niederlassungen haben, fuhren ihre Produktionszahlen schon vor Tagen zurück. Zeitarbeiter und Aushilfen wurden nach Hause geschickt, Festangestellte sollen ihre Überstunden auf Null fahren und Urlaubstage in Anspruch nehmen.
In einigen Unternehmen wird das Betriebsklima durch die Angst vor der Kurzarbeit beherrscht. Es sind auch schon Firmen namentlich bekannt, in denen eine mehr oder weniger lange Betriebsruhe absehbar ist.
Das war zu erwarten: Wenn Opel, Ford und andere Autohersteller für mehrere Wochen die Produktionsbänder stoppen, wird bei der heutigen "Fast-Null-Lagerbestands-Strategie" auch beim Teile-Zulieferer innerhalb kürzester Zeit die Produktion stillstehen.
Aber nicht nur die Autoindustrie, sondern auch die IT-Branche hat offenbar Probleme. Für einige Produkte gibt es (ohne nähere Begründung) Lieferengpässe mit Wartezeiten von bis zu 4 Wochen. Aufgrund des ständigen Preisverfalls bei Computern und Zubehör ist jeder größere Lagerbestand existenzgefährdend. Somit hat der Großhändler innerhalb kürzester Zeit nichts mehr vorrätig, wenn der Nachschub ins Stocken gerät.
Welche nachhaltigen Folgen die Bankenkrise für unsere Region konkret haben wird, bleibt noch abzuwarten. Während man in den amerikanischen Hotels bereits die Luxus-Suiten herausreißt und wegen der fehlenden Nachfrage nach teuren Hotelzimmern nur noch preiswerten "basic comfort" anbietet, werden wir sicher noch einige Zeit den deutschen Tourismusmarkt beobachten, um dann die nötigen Entscheidungen zu fällen.
Aus meiner persönlichen Sicht wird der eigentliche Kern des Banken-Problems nach wie vor nicht diskutiert und es bleiben viele Fragen offen, wie zum Beispiel:
Wieso spekulieren unsere deutschen Banken - darunter auch die frühere Sächsische Landesbank - mit hochriskanten Finanzgeschäften in den USA ? Warum muß ein Kleinunternehmer seiner Hausbank nachweisen, dass er eigentlich gar keinen Kredit benötigt, bevor er überhaupt einen bekommt ? Warum sagt man den deutschen Unternehmern, dass man in Deutschland kaum Risikokapital bekommt und daher lieber in den USA tätig sein sollte ? Ist es etwa deutsches Geld von deutschen Banken, welches man als deutscher Unternehmer als Risikokapital bekommt, wenn man in den USA tätig wird ? Hat man den deutschen Markt wegen seiner rückläufigen Tendenzen bereits abgeschrieben und welche Verantwortung tragen Banken, Gewerkschaften, Politik und Wähler dafür, dass es so gekommen ist ?
Unsere Banken finanzieren ja nicht nur Immobilien in den USA, sondern auch IT-Unternehmen. Man muß sich nur die Zusammensetzung der Aktienfonds ansehen, die von den Banken angeboten werden.
Ich stelle mir manchmal vor, dass so einer wie ich vor 10 Jahren zu einer deutschen Bank gegangen wäre und mit der Geschäftsidee "Ich will Videos im Internet verbreiten" nach Krediten in Millionenhöhe gefragt hätte. Mit diesem Konzept ausgelacht und verspottet zu werden, wäre noch das geringste Übel gewesen. Möglicherweise hätte man erst einmal nachweisen müssen, dass man für diese Tätigkeit eine spezielle Qualifikation oder Genehmigung besitzt oder dass es für diesen Blödsinn einen Markt gibt. Vielleicht hätte ich einen Kredit bekommen, wenn ich den gleichen Betrag in bar als Sicherheit hinterlegt hätte. Anzunehmen ist eher, dass ich wegen Unzurechnungsfähigkeit in eine geschlossene Abteilung gebracht worden wäre.
In den USA wurde 2005 ein Videoportal gegründet (das mit der "Tube" am Ende des Namens). Das Projekt erhielt 3,5 Mio. Dollar Risikokapital als Anschubfinanzierung und ein halbes Jahr später nochmals 8 Mio. US-Dollar. Die beiden Gründer wurden 2007 als "Personen des Jahres" ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie den virtuellen, milliardenschweren Wert ihres Unternehmens bereits in bare Münze gewandelt, indem sie das Projekt verkauften. Glaubt man den Medienberichten, hatte das Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt kaum nennenswerte Einnahmen aus regulärer Geschäftstätigkeit, wurde jedoch an den Börsen mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet.
Fast alle international erfolgreichen Internet-Projekte werden in den USA aus dem Boden gestampft. Ganz gleich ob Online-Auktionshäuser, Suchmaschinen, Online-Buchhändler, Internet-Radio- und TV-Stationen oder -wie oben bereits erwähnt- Videoportale. Je verrückter die Idee, desto höher die "Anlegerfantasie". Dabei wäre es doch im weltweiten Netz vollkommen gleichgültig, wo diese Unternehmen ihren Firmensitz haben. Welchen Kunden interessiert es denn, wo die Rechenzentren der großen Suchmaschinenbetreiber stehen ? Ist es nicht für den Nutzer bedeutungslos, ob eine Suchmaschinenanfrage von einer Serverfarm auf den Osterinseln, im Erzgebirge oder in New York bearbeitet wird ? Das gilt natürlich für alle anderen benannten Geschäftsideen im Internet genauso, sofern das Angebot internationalen Nutzwert bietet.
Meist haben die Gründer von Internetprojekten nichts als eine -oft irrwitzig klingende- Geschäftsidee vorzuweisen. Viele Projekte aus den USA haben in den ersten Jahren nicht einmal ansatzweise den Willen zur Einnahmenerzielung erkennbar werden lassen. Das mußten sie auch nicht, weil sie von Anfang an mit millionenschwerem Risikokapital ausgestattet waren. In Deutschland hätte man solche Unternehmen wegen fehlender Gewinnerzielungsabsicht schnell zum Hobby bzw. zur Liebhaberei erklärt.
Die Vorstellung, daß sich deutsche Banken an derartigen Risikofinanzierungen in den USA beteiligen, während der deutsche Kleinunternehmer oder der bodenständige Handwerker mit einem soliden, realistischen und "begreifbaren" Konzept kaum Chance auf eine Finanzspritze hat, muß man wohl nicht weiter kommentieren.
Die einheimischen Unternehmer und Bürger werden die Folgen des Bankencrashes und die Kosten des milliardenschweren Rettungspaketes aber mit Sicherheit solidarisch mit(er)tragen (müssen).
Redakteur: Tino Bellmann
Erstellt: 21.10.2008
Aktuell: 06.11.2008
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