hotel online buchen
www.holzhau.de: Das Onlinemagazin für Einwohner und Touristen am 17.09.2019
Echt Erzgebirge

Aktuelle Wetterdaten
17.09.2019 | 08:00 Uhr

8.1°C

24-Stunden ⌀: 11.815 °C
30-Tage ⌀: 15.281 °C
Luftdruck rel: 1,012.5 hPa
Luftfeuchte rel: 95 %

Wetterstation Holzhau 615m üNN

Hotels | Pensionen | Ferienwohnungen | Ferienhäuser | Freizeitangebote | Unternehmen | Veranstaltungen | Angebote
WebCam Holzhau | WebCam Skilift | Panorama | Oberholzhau | Wettergrafik | Wetterdaten | Schneehöhen | Fahrplan

Gespräch mit Landrat Michael Geisler zur Bahnstrecke Holzhau - Moldava

(Veröffentlicht am 17.06.2011 • Geschätzte Lesedauer: 5-15 Minuten)

Tino Bellmann: Herr Geisler, Sie sind der Landrat des benachbarten Kreises Sächsische Schweiz - Osterzgebirge und haben sich am 9.6.2011 in Sebnitz mit Ihrer tschechischen Amtskollegin, der Bezirkshauptfrau Jana Vanhová getroffen. Worum ging es bei diesem Treffen?

Michael Geisler: Frau Vanhová und ich sind bemüht, uns zwei Mal im Jahr zu treffen. Über unsere Gespräche hinaus gibt es mehr oder weniger intensive Zusammenarbeit der Fachressorts, was von Themen und Dringlichkeit abhängig ist. In Sebnitz sprachen wir über den Eisenbahngrenzübergang Dolni Poustevna- Sebnitz, das Kooperationsprojekt Informations- und Entscheidungsplattform für Großschadenereignisse (Mobikat), den Ausbau der Bahnstrecke Holzhau – Moldava, den Ausbau des Grenzüberganges Langburkersdorf – Lobendava und damit verbunden der S 159, die Windkraftanlagen Moldava, einem gemeinsamen Projekt zu Umgebindehäusern und die Vorbereitung eines deutsch-tschechischen Nationalpark-Marathons, allesamt Themen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

Tino Bellmann: Sie werden sicher verstehen, dass die oft diskutierte Wiederinbetriebnahme der Eisenbahnstrecke Holzhau-Moldava (bzw. Nossen-Freiberg-Holzhau-Moldava-Most) für die Leser von Holzhau.de ganz besonders interessant ist. Welche neuen Informationen gibt es dazu?

Michael Geisler: Im Verkehrskonzept des ehemaligen Weißeritzkreises findet die Strecke Berücksichtigung. Der Landkreis Sächsische Schweiz- Osterzgebirge hat mit Schreiben vom 10. August 2010 gegenüber dem Eisenbahnbundesamt seinen Widerspruch zur Freistellung der Strecke aufrechterhalten. Damit sind nach unserer Sicht alle Optionen offen. Um die Position des Kraj Usti in Erfahrung zu bringen, wurde das Thema am 09.06.2011 angesprochen. Von Seiten des Kraj gibt es demnach aus finanziellen Gründen und der hohen Aufwände für technische Bauwerke nach meinem Eindruck zurzeit keine ernsthaften Bemühungen in den Streckenabschnitt auf tschechischer Seite zu investieren.

Tino Bellmann: Ich bin sehr oft zwischen Erzgebirge und Elbsandsteingebirge unterwegs. Im Elbsandsteingebirge hat man den Eindruck, dass das deutsch-tschechische Zusammenleben wesentlich alltäglicher und normaler ist. Die Gemeinsamkeit, in einem Tal an einem länderverbindenden Fluss zu leben, die Sächsische und Böhmische Schweiz, der touristische Schiffs-, Bus-, PKW- und Eisenbahnverkehr, die B172 und der Elberadweg – all das bringt die Menschen einander näher. Im Erzgebirge fühlt man sich durch den nahezu unbewohnten Erzgebirgskamm immer noch wie hinter einer trennenden Mauer. Es gibt zwar die A17, die B170, die B174 und die B95 und viele kleine Grenzübergänge. Glauben Sie, dass eine durchgehende Eisenbahnverbindung dieses Gefühl der Trennung weiter abmildern kann?

Michael Geisler: Zwischen Gemeinden, Feuerwehren und Vereinen entlang der Grenze gibt es viele Formen des Zusammenwirkens. Oftmals ist die Intensität von der „Chemie“ der Handelnden abhängig. Es gibt auch Beispiele der intensiven Zusammenarbeit wie die der Touristiker oder der Nationalparke im Elbsandsteingebirge. Wenn Eisenbahnstrecken für die Nutzer interessant sind und angenommen werden, können sie verbindend wirken.

Tino Bellmann: Welche Art von Bahnverkehr würde auf der Strecke Moldava – Holzhau vorwiegend stattfinden? Es wird davon berichtet, dass es allein um den Tourismus ginge. Rechnet man die Kosten für den Neubau der Strecke grob durch, erscheint das jedoch völlig unwirtschaftlich. Wird hier nach einer Alternativstrecke für Schienentransporte gesucht?

Michael Geisler: Wenn es in diesem Fall zu einer fortgeführten Nutzung kommt, dann schwerpunktmäßig touristisch. Die ökonomische Frage steht allerdings tatsächlich im Raum. Auf tschechischer Seite wurde auf vielen Eisenbahnnebenstrecken die Nahverkehrsleistung auf das Wochenende beschränkt. Auch auf sächsischer Seite sind nach den Kürzungen der Zuweisungen an die Verkehrsverbünde Eisenbahnnebenstrecken in Frage gestellt.

Tino Bellmann: Wäre es nicht auch im Interesse der deutschen Seite, wenn der Schienenverkehr im Elbtal etwas entlastet würde? Ich denke da vor allem an die Hotelkritiken im Internet, welche sich auf nächtlichen Lärm im Elbsandsteingebirge beziehen.

Michael Geisler: Wenn es eine Strecke mit einer hohen Bedeutung für den Nahverkehr ist, dann die S- Bahn im Elbtal. Den Haltepunkt des ICE in Bad Schandau würden wir gerne erhalten sehen, denn es ist die kürzeste und schnellste Verbindung des Berliner Raumes mit der Sächsischen Schweiz. Der lästige Lärm auf dieser Strecke entsteht durch den Güterverkehr. Das rollende Material ist oftmals überaltert und unmodern und das trifft nicht nur auf die Bundesbahn zu. Gespräche mit Fachleuten machen jedoch deutlich, dass der enorme, nicht zu finanzierende Aufwand hier noch Jahre oder Jahrzehnte zu Problemen führen wird. Ein Ausweichen auf Nebenstrecken erscheint mir unrealistisch.

Tino Bellmann: Die Bahn hat ja im Elbtal sehr viel dafür getan, um die Lärmbelästigung für die Touristen in den Hotels zu reduzieren. Einige Häuser wurden mit mehrfach verglasten Fenstern und Klimatisierung ausgestattet. Zur Zeit experimentiert man in Rathen und Königstein mit so genannten Flüstergleisen. Wären derartige Maßnahmen im Tal der Freiberger Mulde auch denkbar und ist das Bestandteil der Überlegungen ?

Michael Geisler: Die „Flüstergleise“ sind ein sehr geeigneter Versuch den Lärm zu verringern. Im Elbtal wird sozusagen ein Feldversuch mit verschiedenen technischen Lösungen durchgeführt. Das Modell könnte durchaus auf anderen Strecken Anwendung  finden.

Tino Bellmann: Man hört oft, dass unsere tschechischen Nachbarn durch EU-Gelder und private Investoren in der Lage wären, sofort mit den Baumaßnahmen zu beginnen. In Deutschland hingegen würden die Kosten für den Bau große Kopfschmerzen verursachen. Was ist an diesen Gerüchten wahr?

Michael Geisler: Es ist tatsächlich so, dass die tschechische Seite in größerem Maße versucht, Maßnahmen mit EU-Mitteln zu realisieren. Aber ich denke auch dort gibt es zahlreiche bürokratische Hindernisse, die halt nur anders aussehen als die auf deutscher Seite. In Sachsen ist die Voraussetzung, dass die DB- Netz als Eigentümer der meisten Strecken investiert, eine Bestellungsgarantie von 20 Jahren durch die Verkehrsverbünde. Dabei kommen dann zwei wesentliche Fragen ins Spiel. Erreicht die Strecke eine tägliche Fahrgastauslastung von 1000 Passagieren und wird der Verkehrsverbund bei weiteren künftigen Kürzungen in der Lage sein, die im Verhältnis zum Busverkehr relativ teure Eisenbahnleistung aufrecht zu erhalten.

Tino Bellmann: Wie hoch wären denn die geschätzten Baukosten und welchen Anteil müsste Deutschland tragen ?

Michael Geisler: Über die Baukosten kann ich keine Antwort geben. Deutschland würde aber in jedem Fall diesseits der Grenze finanzieren müssen.

Tino Bellmann: Es hat ja in den vergangenen 20 Jahren Verkäufe von Bahnvermögen an private Eigentümer gegeben. Was wird aus deren Investitionen und Krediten, wenn die Bahn die Grundstücke und Gebäude zurückfordern muss? Ein Bahnhofswartehäuschen ist zwar schnell neu gebaut, aber was wird aus dem Bahndamm? Ich denke da zum Beispiel an das Grundstück rund um den früheren Bahnhof Neuhermsdorf, welcher heute als "Skibahnhof" bzw. Sporthotel genutzt wird? Übersteigen die Zusatzkosten für Entschädigungen und Lärmschutz eventuell die eigentlichen Baukosten für die wenigen Schienenkilometer und ist das eventuell der Hauptgrund für das zögerliche Voranschreiten der Verhandlungen ?

Michael Geisler: An eine Rückforderung durch die Bahn glaube ich nicht. Mein Eindruck ist eher der, dass weitere nicht gebrauchte Immobilien abgegeben werden. Einen Bahnhof in dem Sinn gibt es ja heute auch nicht mehr. Den Hauptgrund in der „zögerlichen Vorgehensweise“ sehe ich in der grundsätzlichen Frage, ob sich eine Strecke ökonomisch betreiben lässt.

Tino Bellmann: Es ist schon ein Kuriosum, dass bei dem Projekt "Bahnstrecke Holzhau-Moldava" zwei Staaten, der Freistaat Sachsen, die Europäische Union, drei Landkreise, mehrere Verkehrsverbünde, die deutschen und tschechischen Bahnbetriebe, Umweltämter, Bauämter usw. beteiligt sind. Wie viele Ämter, Unternehmen und Organisationen sind denn schätzungsweise in dieses vergleichsweise kleine Projekt involviert und wie schwierig sind die Verhandlungen dadurch?

Michael Geisler: Gute Frage, da sind auf deutscher Seite noch diverse Ministerien, Fachbehörden und Planungsverbände hinzuzufügen. Auf der tschechischen Seite ist die Zuständigkeit auch verteilt.

Tino Bellmann: Welchen Standpunkt vertritt Frau Vanhová? Ist sie eine Befürworterin solcher verbindenden Projekte?

Michael Geisler: Ich kann schlecht für Frau Vanhová sprechen, aber ich habe schon den Eindruck, dass die Chefin des Kraj Usti an der Umsetzung von grenzüberschreitenden Projekten und einer guten Zusammenarbeit großes Interesse hat.

Tino Bellmann: Beim jetzigen Stand der Verhandlungen und aus Ihrer Sicht - wie wahrscheinlich ist die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs auf der Strecke Most - Moldava - Holzhau - Freiberg ?

Michael Geisler: Das wäre jetzt tatsächlich der Blick in die berühmte Glaskugel.

Tino Bellmann: Wenn die Verhandlungen jemals erfolgreich sein sollten und das Geld auch tatsächlich bereitstünde: Wann wäre denn die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke frühestens realisierbar ?

Michael Geisler: Da bleibe ich mal bei dem Beispiel Sebnitz. Verhandlungen und Gespräche über nunmehr 21 Jahre. Wenn alles optimal läuft, könnte in diesem Jahr die Bestellung erfolgen. Mit einer Fertigstellung ist aber wohl realistisch frühestens Ende 2012 zu rechnen.

Tino Bellmann: Ich möchte das Thema nur kurz anreißen, aber Sie sagten, auch die Windenergienutzung sei am letzten Donnerstag diskutiert worden. Gibt es neue Informationen über die geplanten Windparks in Moldava und Fojtovice?

Michael Geisler: Bei diesem Thema haben wir über die allgemeinen Verfahrensgang zur Errichtung von Windkraftanlagen gesprochen. Derzeit wird der Regionalplan des Kraj Usti erstellt, so dass es noch keine neuen Informationen zu den Standorten Moldava und Fojtovice gibt.

Tino Bellmann: Herr Geisler, ich danke Ihnen ganz herzlich, auch im Namen der Leser von Holzhau.de, dass Sie sich die Zeit genommen und die Mühe gemacht haben, meine Fragen zu beantworten.

Zur Person: Michael Geisler ist Jahrgang 1960 und arbeitete bis 1990 als Biologie- und Chemielehrer in Graupa (Pirna). Danach wechselte er in die Politik. Seit 1994 ist er als Landrat tätig und wurde nach der Kreisreform 2008 für den neuen Landkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge wiedergewählt.

Zum Bauprojekt: Durch die an Holzhau liegende Kreisgrenze zwischen den Landkreisen Mittelsachsen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge führt die ehemalige Bahnstrecke Holzhau - Moldava durch beide Kreise. Vom Bahnhof in Holzhau bis zur Kreisgrenze am Ortsteil Teichhaus waren es etwa 3 km Schienenweg. Der Abstand zwischen den Bahnhöfen Holzhau und Teichhaus beträgt 2,7 km. Gleich darauf verläßt die Bahnstrecke den Landkreis Mittelsachsen.

Weitere Informationen finden Sie auf den unten verlinkten Webseiten.

 


Informationen zu diesem Artikel:

Redakteur: Tino Bellmann
Erstellt: 17.06.2011
Aktuell: 21.02.2018
Seitenaufrufe: 9564
Ähnliche Themen: Landrat Michael Geisler Eisenbahnstrecke Moldava Holzhau Sebnitz Jana Vanhova

Wir verwenden einen so genannten Cookie, um unsere Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen an unsere Werbepartner weiter. Unsere Partner führen die Informationen möglicherweise mit anderen Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie geben Ihre Einwilligung zu unserem Cookie, wenn Sie unsere Webseite weiterhin nutzen.