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Niederschlagung des "Prager Frühlings" - Vor 50 Jahren fuhren sowjetische Panzer durch Holzhau

(Veröffentlicht am 20.08.2018)

Niederschlagung des Prager Frühlings - Vor 50 Jahren fuhren sowjetische Panzer durch Holzhau  prager frühling sowjetarmee holzhau Sowjetische Panzer fuhren im August 1968 auch durch Holzhau
Sowjetische Panzer fuhren im August 1968 auch durch Holzhau

Im August 1968 fuhren -zum ersten mal seit dem Zweiten Weltkrieg- sowjetische Panzer durch Holzhau. Sie reihten sich am Rande der Muldentalstraße auf, ungefähr dort, wo das Buswartehäuschen "Holzhau Mitte" steht und man von der Muldentalstraße in die Bergstraße abbiegt. Für die Holzhauer Einwohner waren die Panzer natürlich eine Sensation. Viele Erwachsene gingen abends mit ihren Kindern und Enkeln hinunter zur Muldentalstraße, um die ungewöhnlichen Besucher zu bestaunen.

Kaum jemand ahnte, dass in Europa die "größte Militäraktion seit 1945" bevorstand.

Die sowjetischen Soldaten gaben sich ungewöhnlich offen und freundlich. Ich erinnere mich persönlich, dass die Soldaten an uns Kinder kleine Geschenke verteilten. Ein sehr junger Panzersoldat entfernte seine Anstecknadel mit dem Komsomol-Emblem von der Uniform und reichte sie mir vom Panzer herunter. Der Komsomol war die Jugendorganisation der KPdSU. (Ich besitze diese Nadel noch!)

Und wir Kinder? Wir erinnern uns nur noch daran, dass die sowjetischen Panzer am nächsten Tag wieder verschwunden waren. "Die sind in die Tschechei gefahren!" erklärten uns die Eltern damals. Damit war das für uns Kleinkinder erledigt. Die "Tschechei", da war es schön, da machten wir immer Urlaub. Für uns Kinder war klar, dass die Soldaten auch mal dahin wollten.

Warum? Weshalb? Fragen, die wir erst viele, viele Jahre später beantwortet bekamen. Wir begriffen sehr spät, was die "Panzer in Holzhau" für unsere tschechischen Nachbarn und die Menschen im gesamten "Ostblock" bedeutet haben.

Andere Einwohner berichten von insgesamt viertägigen Truppentransporten, die nicht nur aus Panzern bestanden, sondern auch aus Langstreckenraketen. Bei der Fahrt über den Erzgebirgskamm soll es wegen der Länge der Fahrzeuge, den steilen Hängen und engen Kurven zu großen Problemen gekommen sein. Man fragte sich schon damals, warum man die Raketen nach Tschechien transportierte. Sie waren seit 1963 in der Lage, mit atomaren Sprengköpfen bestückt zu werden und viele hundert Kilometer weit zu fliegen.

Jahrzehnte später, als man über bestimmte Dinge offen sprechen konnte, wurden in unserer Familie auch andere Geschichten laut erzählt. Geschichten, die -wenn sie früher bekannt geworden wären- möglicherweise zu Problemen geführt hätten. Unsere Familie hat die Erlebnisse aus dem Jahre 1968 schon sehr früh aufgeschrieben.

Großvater Erich, er galt im Dorfe als "verrückter Hund", kam von der Arbeit nach Hause. Er war in der LPG Nassau als Brigadier tätig. Mit seiner AWO knatterte er wie immer -verbotenerweise- über die Kalkstraße in Richtung Holzhau. Plötzlich stutzte er. Am Abzweig zur "Brettelle" stand ein Sowjetsoldat mit einer Kalaschnikow.

Er stoppte und rief "Was wollt denn Ihr Russen hier?", weil er glaubte, man würde ihn ohnehin nicht verstehen. Doch der Soldat antwortete "Ich nicht Russe, ich Wolgadeutscher!". Es entspann sich ein längeres Gespräch. Der Soldat sagte unter anderem wörtlich "Wir warten auf Pfiff, dann ab in Tschechei!". Es müsse eine größere Stadt in der Nähe sein, denn er höre immer eine "Trans" (Eisenbahn, damals fuhr noch eine Dampflok!). Er wolle mal wieder Häuser sehen, "sonst ich verrückt!"

Irgendwann fiel die Frage, ob der Soldat Hunger habe. Da soll der Sowjetsoldat seine Kalaschnikow hinter einem Baum versteckt haben und zum Großvater auf das Motorrad gestiegen sein.

Der Großvater brachte den Soldaten mit nach Hause, wo die Familie erst mal ein Glas hausschlachtene Wurst öffnete. Kaffee und frische Buttersemmeln standen auch schon auf dem Tisch, denn der Großvater wurde längst zu Hause erwartet. 

Es ist überliefert, dass es "ein freundliches Gespräch über belanglose Dinge" gegeben habe. Als es dunkel war, wurde der Soldat wieder aufs Motorrad gepackt und in die "Brettelle" gefahren. Die Kalaschnikow stand noch hinter dem Baum...

Wir Kinder -und auch viele Einwohner- wussten nicht, was in den heimischen Wäldern rund um Holzhau vor sich ging. Die sowjetischen Militärverbände hielten sich schon seit April 1968 in unseren Wäldern auf. Sie hielten konsequent drei Kilometer Abstand zur tschechischen Staatsgrenze. Im Töpferwald wurde ein 100m x 100m großes Waldstück gerodet. Dort standen Panzer, LKW und anderes Kriegsgerät. Mehrere Einwohner schauten sich das Gebiet an, nachdem die Sowjetarmee in Prag einmarschiert war. Man fand Unmengen leerer Dosen, gusseiserne Öfen und viel anderen Müll.

Die Nationale Volksarmee der DDR beteiligte sich nicht am Einmarsch nach Tschechien, leistete aber auf deutschem Territorium enorme logistische Unterstützung. So waren an der Kreuzung Bergstraße - Muldentalstraße und Tannenweg - Alte Straße Wachposten und Schlagbäume der NVA. Sie sollten über mehrere Tage den Kreuzungsbereich sperren und bewachen. Bei Regen öffneten manche Einwohner ihre Scheunentore, damit die NVA-Soldaten im Trockenen stehen konnten. Es waren nicht nur "richtige" Soldaten unter ihnen, sondern auch Sportler (beispielsweise Boxer des Armeesportclubs aus Halle).

Private Aufzeichnungen aus 1968, angepasst an heutige Straßennamen:

An der Einmündung der heutigen Bergstraße von der Muldentalstraße war von den Soldaten der NVA ein Kontrollpunkt eingerichtet worden. Es befand sich dort ein grasbewachsenes Dreieck mit einer kleineren Eiche an der Einmündung. Auf diesem Dreieck wurde ein kleiner Bauwagen hingestellt und daneben ein Schlagbaum errichtet. Als man ein Telefon brauchte, wurde einfach bei Erich Zimmermann (Heute Naturhotel "Lindenhof") die Leitung gekappt. Die Drähte wurden in den Bauwagen gezogen. Nach Beschwerde ... wurde dann recht zögerlich eine Lösung angestrebt.

Später wurde der Anschluss mit dem Anschluss des Platzmeisters vom Staatlichen Forst, Josef Seliger, verbunden. Sie hatten danach einen gemeinsamen Anschluss. Wenn einer von ihnen telefonierte, war die Leitung für den anderen besetzt. Das blieb so, bis die Kontrollstelle nach etwa 2 Monaten wieder abgebaut wurde.

Aus Mulda ist folgende Geschichte überliefert: 

Ein sowjetischer Regulierungssoldat stand drei Tage ohne Betreuung durch seine Einheit -  Tag und Nacht ohne Pause. Die Muldaer Einwohner hätten sich Gedanken gemacht und den "armen unschuldigen Jungen in der Fremde" mit Essen versorgt. Von ihren eigenen Truppen hätten sie nichts bekommen. Der Soldat hätte es dankbar angenommen und sich vor den Einwohnern tief verneigt.

Ähnliches wird aus Bienenmühle berichtet, leider werden in den Aufzeichnungen keine Namen genannt. Die Bienenmühler Einwohner haben die Sowjetsoldaten mit Suppe versorgt.

Private Anmerkung: Wer in der NVA gedient hat und Kontakt zu Soldaten der Sowjetarmee hatte, hält die Erzählungen für glaubhaft. Für ein paar Dosen Erbsensuppe hätten die Sowjetsoldaten ihr Vaterland verraten. Selbst in den 80er Jahren hat man Sowjetsoldaten tagelang -ohne Nahrung- als Wachposten ausgesetzt.

Andere private Aufzeichnungen berichten davon, dass das Erzgebirge seit dem Frühjahr 1968 militärisches Sperrgebiet war. Man wurde erstmals in Possendorf kontrolliert, wenn man aus Dresden heraus in Richtung Holzhau fahren wollte. Anfangs kontrollierte noch die Deutsche Volkspolizei, in Frauenstein kontrollierte die NVA. Wer seinen Hauptwohnsitz nicht im Sperrgebiet hatte, wurde umgehend zurückgeschickt.

Wer lediglich einen Nebenwohnsitz in Holzhau hatte, durfte offiziell nicht in den Ort und musste Schleichwege durch die Wälder nutzen.

Alle Urlauber hatten zu Beginn der Militäraktion die Anweisung bekommen, das Erzgebirge unverzüglich zu verlassen. Der Tourismus brach für Monate zusammen.

Neben der Gaststätte "Trostgrund" befand sich zu dieser Zeit ein Posten der Volkspolizei. Augenzeugen berichten, dass die Abschnittsbevollmächtigten der Region dort oft beisammen gesessen hätten und wie gelähmt gewesen seien. Sie waren wochenlang regelrecht entmachtet und in keinster Weise in die Geschehnisse eingebunden.

Der Grenzübertritt der Sowjetarmee erfolgte auch in Deutschgeorgenthal / Cesky Jiretin und ist wie folgt überliefert: Der erste Panzer fuhr auf das stählerne Grenztor zu und stieß es einfach um. Die tschechischen Grenzer kamen aus ihren Unterkünften gelaufen. Ein Sowjetsoldat sprang vom Panzer, kletterte am Strommast hoch und durchtrennte mit einem Werkzeug die Energieversorgung. Cesky Jiretin bezieht seinen Strom seit jeher aus Deutschland bzw. der damaligen DDR. Der Sowjetarmee waren diese Verhältnisse offenbar bekannt. Die sowjetischen Truppen marschierten danach "in endlosen Kolonnen" in die Tschechoslowakei ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Als die Sowjetsoldaten am nächsten Tag sahen, in welch schlimmen Zustand die Brücke in Cesky Jiretin war, wurde der Einmarsch über Cesky Jiretin abgebrochen. Die Brücke blieb in diesem Zustand und wurde erst 2008 neu gebaut.

Die gewaltsame Niederschlagung des "Prager Frühlings" spaltete die sozialistischen Länder. Albanien nahm die Ereignisse zum Anlass, um aus dem Warschauer Vertrag auszusteigen und der Sowjetunion die "Waffenbrüderschaft" aufzukündigen.

Selbst der als Diktator verrufene Nicolae Ceausescu (Rumänien) verurteilte den Einmarsch: "Der Gedanke einer militärischen Intervention in die Angelegenheiten eines sozialistischen Bruderstaates kann durch nichts gerechtfertigt werden, und kein Grund kann gebilligt werden, der diesen Gedanken auch nur für einen Augenblick als annehmbar erscheinen lässt".

Sollte ein Einwohner Fotos von den sowjetischen Panzern in Holzhau besitzen oder persönliche Erinnerungen weitergeben wollen, würden wir uns über diese Geschichten sehr freuen. Auch das ist ein Teil unserer Ortsgeschichte.

Alle Informationen zum "Prager Frühling" finden Sie zum Nachlesen in der Wikipedia (Link am Ende des Artikels)

 


 

Informationen zu diesem Artikel:

Erstellt: 20.08.2018
Aktuell: 21.09.2018
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