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Tschechien will den Kampf gegen Borkenkäfer aufgeben - Was bedeutet das für Holzhau?

(Veröffentlicht am 10.05.2019 • Geschätzte Lesedauer: 3-8 Minuten)

Tschechien will den Kampf gegen Borkenkäfer aufgeben - Was bedeutet das für Holzhau? erzgebirge borkenkäfer wald  Abgebrochene Baumspitzen, wohin man schaut - Manchmal wird das Laufen im Wald unmöglich
Abgebrochene Baumspitzen, wohin man schaut - Manchmal wird das Laufen im Wald unmöglich

Schon im letzten Herbst hat die Untere Forstbehörde etwa 4000 private Waldbesitzer im mittelsächsischen Kreisgebiet angeschrieben. "Ihr Wald stellt eine Gefahr für andere Waldbestände dar" hieß es in den amtlichen Briefen. Die Waldbesitzer wurden aufgefordert, in ihrem Wald dafür zu sorgen, dass sich der Borkenkäfer nicht weiter ausbreiten kann.

Für den Fall, dass man sich uneinsichtig zeigt, wurden auch gleich entsprechende (Geld-)Strafen angedroht. 

Bei den Waldbesitzern stießen die Aufforderungen des Landratsamtes auf wenig Begeisterung. "...und was ist mit dem Wald des Staatsforstes?" wurde häufig gefragt. "Dort sieht es doch auch aus wie..."

Zugegeben, der Staatsforst war in den letzten Jahren für die privaten Waldbesitzer nicht gerade ein leuchtendes Vorbild. Doch die Aufgaben eines Waldbesitzers ergeben sich aus dem Sächsischen Waldgesetz. Die Paragrafen sprechen für sich und es gibt kaum etwas zu diskutieren: Man ist verpflichtet, seinen eigenen Waldbestand gesund zu halten.

Ob andere Waldbesitzer das auch tun, spielt dabei erst einmal eine untergeordnete Rolle. Möglicherweise haben Waldbesitzer unterschiedliche Vorstellungen, was nachhaltige, pflegliche, sachkundige, planmäßige, ökologische Forstwirtschaft ist. (Siehe § 16/1 Sächsisches Waldgesetz)

Durch den Schnee- und Windbruch vom Januar kamen zu den bereits existierenden Schäden weitere, teilweise verheerende Waldschäden hinzu. Hektarweise brachen die ausgetrockneten Bäume -ihrer Elastizität beraubt- sehr kurzfaserig ab. Abgerissene Baumspitzen mit einem Stammdurchmesser von bis zu 20 Zentimeter liegen zu Tausenden in den erzgebirgischen Wäldern herum. 

Die Fristen, die das Landratsamt im Januar 2019 gesetzt hat, waren wegen der Witterung nicht einzuhalten. Ursprünglich sollten die Waldarbeiten bis zum 31.3.2019 abgeschlossen sein. Auf Diskussionen ließ sich das Landratsamt nicht ein. Alle Waldbesitzer im Landkreis Mittelsachsen - von Leisnig bis Holzhau- bekamen den gleichen Fertigstellungstermin. Man wisse schließlich nicht, wie das Wetter im März würde und ab wann der Borkenkäfer mit dem Ausfliegen beginne.

Nun ist Mitte Mai 2019: Von den angekündigten Strafen, die das Landratsamt bzw. die Untere Forstbehörde ursprünglich androhte, hat man noch nichts gehört. Obwohl ein großer Teil der privaten Waldbesitzer nach einem halben Jahr noch nicht einmal damit begonnen hat, in ihren Wäldern etwas zu unternehmen.

Statt dessen hört man aus dem Nachbarland Tschechien Erstaunliches. Sowohl die Sächsische Zeitung als auch die Freie Presse berichten davon, dass Tschechien den Kampf gegen den Borkenkäfer aufgeben will und nichts mehr gegen seine Verbreitung unternehmen wird. Der Kampf sei nicht zu gewinnen, auch mit riesigen Kahlschlägen nicht. Nun will man die befallenen Bäume als Totholz weiterhin im Wald belassen.

"Die Touristen müssen sich an größere Flächen mit abgestorbenen Bäumen gewöhnen" heißt es im konkreten Fall aus der Böhmisch-Sächsischen Schweiz.

Seit etwa 3 Tagen steht die Aussage aus Tschechien im Raum. Von den Sächsischen Forstbehörden kam bisher keine Reaktion. Die Waldarbeiten gehen erst einmal weiter.

Holzhau ist zu großen Teilen von Fichtenwäldern umgeben. Nur der Nordhang besteht aus einem Fichten-Lärchen-Buchen-Mischwald. Derzeit breitet sich der Borkenkäfer mit rasendem Tempo aus. Innerhalb weniger Wochen kann man den Bäumen beim Absterben zuschauen.

Müssen wir uns in Holzhau darauf einstellen, bald im Geisterwald zu wohnen? Welche Auswirkungen hat das auf den Tourismus? Können wir in 5-10 Jahren noch damit werben, in "unberührter Natur" zu leben? Wer möchte in einer Region Urlaub machen, die so trostlos aussieht wie vor dreißig Jahren? (Passende Stichworte: Saurer Regen, Böhmischer Nebel, Waldsterben, Erzgebirge).

Kann man in Zukunft noch sorglos im Wald spazieren bzw. Ski laufen gehen oder muss man ständig damit rechnen, von einem zusammenbrechenden Totholz-Baum erschlagen zu werden?

Und welche Auswirkungen hat es auf das psychische Befinden der Einwohner, wenn sie tagein, tagaus auf einen abgestorbenen Wald schauen müssen, aus dem hier und da ein paar rotierende Windkraftanlagen herausragen?

"Endzeitstimmung"?

Ob private Waldbesitzer überhaupt noch mit Strafen rechnen müssen, wenn sie den Borkenkäfer nicht bekämpfen, ist äußerst fraglich. Wären die Strafmaßnahmen denn juristisch und forstwirtschaftlich zu rechtfertigen, in einer Grenzregion, in einem geeinten Europa?

Auf all diese Fragen gibt es derzeit (noch) keine passende Antwort. 

Eine Antwort haben wir aber: Die Aussage "Touristen müssen sich an größere Flächen mit abgestorbenen Bäumen gewöhnen" ist unseres Erachtens nach grundsätzlich falsch. Es wird gar keine Touristen mehr geben, die sich daran gewöhnen müssten - weil Touristen so etwas nicht sehen wollen. In so eine Gegend fährt man als Tourist nicht. Das klickt man weg, wenn man sich im Internet vorab informiert. Fertig, aus.

Man könnte jetzt schon vorsorglich damit beginnen, alternative Baumarten aufzuforsten. Damit es in Holzhau grün bleibt, selbst wenn ganzjährig Kettensägen zu hören sind.

(Presseberichte unten verlinkt)


 

Informationen zu diesem Artikel:

Erstellt: 10.05.2019
Aktuell: 16.05.2019
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