Begeisterte Zuschauer beim Sonderzug "Schneeflocke" Cottbus - Holzhau (+Video) | Druckversion

HOLZHAU

So etwas hat man in Holzhau schon lange nicht mehr gesehen. Nicht mit einer, sondern gleich mit zwei Dampfloks fuhr der Sonderzug "Schneeflocke" am vergangenen Samstag  gegen 11:50 Uhr in Holzhau ein. Der Lausitzer Dampflokclub e.V. hatte den Ausflug organisiert. Nach den uns vorliegenden Zahlen war der Zug fast ausgebucht.

Frühere Sonderzüge, die von anderen Vereinen organisiert wurden, mussten teilweise wegen zu geringer Teilnehmerzahl abgesagt werden. Und so war es auch kein Wunder, dass die Erwartungshaltung der Holzhauer Gastronomen eher gedämpft war.

(Es ist auch schon passiert, dass statt der erwarteten Dampflok eine Diesellok durch´s Freiberger Muldental fuhr, weil die Dampflok beim Anheizen kaputt ging.)

Doch spätestens, als die beiden Dampfloks, mit einer unglaublichen Geräuschkulisse und von einer riesigen Rauchwolke umhüllt, die letzten Kilometer von Rechenberg nach Holzhau ratterten, kannte die Begeisterung der Erzgebirger keine Grenzen mehr.

Im Holzhauer Ortskern ging während und kurz nach der Einfahrt des Sonderzuges nicht mehr allzu viel. Die Straßen waren verstopft. Es wurde gewinkt, gefilmt und fotografiert.

Auf dem Gelände des Holzhauer Bahnhofes war es ziemlich voll.  @@EMBED1@@

Was wir heute als Sensation empfinden und bei den kleinen und großen Zuschauern Begeisterung hervorruft, war bis vor einem halben Jahrhundert in Holzhau Alltag.

Schauen wir nach, welches Wissen uns die älteren oder bereits verstorbenen Einwohner hinterlassen haben:

Der Bau der Bahnstrecke erfolgte in mehreren Abschnitten. 1876 gab es im Königreich Sachsen ein sehr schweres Hochwasser. Weil danach eine Eisenbahnbrücke in Riesa (Elbe) zerstört war, zog man die Arbeiter aus unserem Ort ab. Der Bau des Streckenabschnitts Bienenmühle - Moldava wurde vorübergehend eingestellt. 

Am 17.Juni 1883 reichte die Gemeinde Holzhau ein Gesuch ein, damit der Ort eine Haltestelle für den Personen-  und Güterverkehr bekommen möge.

Für die Eröffnung des Streckenabschnitts Bienenmühle - Moldava gibt es abweichende Datumsangaben. Kantor Naumann schreibt, die Strecke sei am 15.5.1885 für den Personenverkehr freigegeben worden, nachdem es vorher schon Güterverkehr gegeben habe. Siegfried Rädel schreibt hingegen, die Eröffnung habe am 18.5.1885 stattgefunden.

Im Jahr 1900 fuhren täglich 10 Güterzüge durch den Ort, teilweise mit 45 und mehr Waggons. Gezogen und gebremst wurde mit drei Dampfloks! Auf dem Bienenmühler Bahnhofsgelände arbeiteten 200 Personen.

Durch den Funkenflug der Dampfloks brannten die mit Holzschindeln oder Stroh bedachten Bauernhäuser so oft, dass das Königreich Sachsen einen Großteil der Häuser im Freiberger Muldental mit feuerfesten Materialien eindecken ließ.

An der Alten Straße in Holzhau befinden sich noch einzelne Reste eines Geländers. Es sind Granitsäulen mit quadratischem Querschnitt, verbunden mit einem verrosteten und verbogenen Winkeleisen. Eine Notiz von Rädel vom 03.12.1885 besagt: "Die Herstellung der Steinsäulen mit eisernen Riegeln an der Alten Straße wird von der Bahn übernommen."

Aus dem Jahr 1912 gibt es eine Unmenge Schriftverkehr, weil sich die Bahnbeamten gegen eine Mitarbeit bei der Holzhauer Pflichtfeuerwehr wehrten. Ein "Polizeiregulativ" soll beschlossen werden. Am 8.9.1912 protokolliert der Holzhauer Gemeinderat, "daß diese Personen während ihrer dienstfreien Zeit sehr wohl in der Lage sind, wie jeder andere Gemeindebewohner sich an den Arbeiten der Pflichtfeuerwehr zu beteiligen und dem Dienste der Allgemeinheit widmen können, da nach den gesetzlichen Bestimmungen der Ortsfeuerwehr die Pflicht obliegt, in den Stunden der Gefahr auch das Eigentum des Eisenbahn-fikusses als auch dasjenige seiner Beamten und Arbeiter zu schützen".

Doch damit war die Angelegenheit nicht geregelt. Am  18.2.1913 protokolliert der Gemeinderat Holzhau erneut, "daß die Königl. Eisenbahnbetriebsdirektion Dresden – Altstadt ihr Einverständnis zu dem unterm 27. Januar d.Jahres gefaßten Beschluß, nach welchem die Eisenbahnbeamten und Eisenbahnbediensteten gegen
Erlegung einer Ablösungssumme von 3 M jährlich pro Person von den Dienstleitungen der Pflichtfeuerwehr befreit sein sollen, bekanntgegeben, und in der weiteren Ausführung des erwähnten Gemeinderatsbeschlusses und in Nachgehung der Verfügung der Königl. Amtshauptmannschaft vom 11. dieses Monats folgender Nachtrag zur hiesigen Verbandsfeuerlöschordnung aufgestellt: „Befreit sind die in § 1 Abs. 4 genannten Reichs-, Staats-, Gemeinde- und Eisenbahnbeamten sowie Eisenbahnbediensteten, welche dienstlich unabkömmlich sind, gegen Zahlung eines Beitrages zur Verbandsfeuerlöschkasse, welcher bis auf weiteres auf 3 M jährlich pro Person festgesetzt wird." Dieser Nachtrag soll in Druck gegeben und davon je 1 Stück zu jedem Exemplar der Feuerlöschordnung beigefügt werden.
"

Oder in Kurzform: Die Königliche Eisenbahnbetriebsdirektion Dresden-Altstadt zahlte ab 1913 für jeden Bahnbediensteten 3 Mark pro Jahr, damit die Bahnmitarbeiter im Falle eines Brandes nicht bei der Holzhauer Pflichtfeuerwehr mithelfen mussten. Es zeigt sehr eindrucksvoll, welchen Standesdünkel die Bahnbeamten schon damals hatten und welche Risse durch die damalige Gesellschaft gingen.

1918 betrug der Fahrpreis für die Bahnstrecke Freiberg-Moldava in der 2. Klasse 1.90 Mark, in der 3. Klasse 1.25 Mark. Für die 4. Wagenklasse gibt es keine Preise bis Moldava, weil die Kategorie nur bis Bienenmühle fuhr. Mit den genannten Preisen war eine Bahnfahrt wohl eher etwas für besser gestellte Personen. Der durchschnittliche Preis für ein Brot wird im Jahre 1918 mit 1.68 Euro angegeben. Der Monatslohn eines Arbeiters betrug 1918 etwa 120 Mark. 

Am 20. April 1946 gab es einen Waldbrand zwischen Holzhau und Teichhaus, verursacht durch Funkenflug der Eisenbahn. Als die Feuerwehr gegen 16.45 Uhr am Brandplatz mit der Handdruckspritze und 12 Mann eintraf, war das Feuer durch Zivilpersonen bereits gelöscht worden. Am 1. Mai brannte es erneut. Doch nicht alle Waldbrände gingen so glimpflich aus. In trockenen Jahren hatte die Feuerwehr so viel zu tun, dass die Geschichte unserer Feuerwehr unlösbar mit der Geschichte der Bahnstrecke Freiberg - Holzhau verschmolzen ist.

 


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